SPEKTAKULÄRE SPIELER (2) , von CHARLY GRUKK .
Etwa drei Monate nach Baden-Baden erlebte ich in Wiesbaden den "Smarten". Diesen Roulettekönig möchte ich nur am Rande erwähnen, da er wie DER DICKE ein reines Ecart-Spiel hinlegte, diesmal allerdings auf den kleinen Zahlen.
DER SMARTE - Wiesbaden 1984 , hatte auch ein ähnliches Spielverhalten wie der Dicke. Ihn interessierten nur "seine" Zahlen und nicht was rechts oder links von ihnen war, überwiegend lagen sie im ersten Dutzend-Bereich. Jeweils neun Zahlen pflasterte er - Maximum in allen Belangen - mit Hinzunahme der einfachen Chancen im Gewinnfall.
Wiederum ein Schauspiel wie in Baden-Baden, eine große Menschenmenge und ich war nah genug dabei, um alles zu erfassen und meine Schlüsse zu ziehen.
Im Gegensatz zum üppigen König, war er eine hoch gewachsene und smarte Erscheinung und zelebrierte die Jetons wie ein Magier. Ich bekam den Eindruck, dass er jeden Jeton hypnotisierte, bevor er ihn aus den Fingern gab.
Er musste Klavierspieler sein. Nur Klavierspieler können so elegante Fingerbewegungen haben. Auch bei ihm konnte ich diese unglaubliche Selbstsicherheit feststellen, wie sie nur Großspielern zu eigen ist. Für ihn war vollkommen klar, dass er gewinnen würde - und natürlich gewann er auch. Nach knapp zwei Stunden beendete er sein Spiel, mit etwa demselben Ertrag wie sein spektakulärer Kollege aus Baden-Baden.
Vorsorglich reiste ich aus Wiesbaden ab. Noch einen Abend mit einer solchen Vorstellung wollte ich mir keinesfalls antun. Zu groß wären meine Depressionen geworden. Ich wusste zwar nicht, ob Smart am nächsten Tag überhaupt präsent sein würde, die Möglichkeit war aber gegeben.
Als Berufsspieler muß man mit seinem Geldbeutel leben und sein Spiel danach ausrichten. Für mich war 1000 DM bei den Einfachen Chancen das Maximum, für Plein 100 DM. Mehr ging einfach nicht. Zu groß wäre bei überhöhtem Einsatz das Risiko des Platzers gewesen und es hätte sich für mich ein kaum aufholbarer Lebenspatzer ergeben.
Über Smart brachte ich noch in Erfahrung, dass er angeblich ein südamerikanischer Futtermittelhersteller oder Futtermittelhändler sei. Auch las ich später noch in einer Fachzeitschrift über ihn. Ich bin ihm also begegnet und bei diesem - in jeder Beziehung einmaligen Erlebnis - blieb es dann auch!
Den auffälligsten und nach meiner Einschätzung auch besten Spieler lernte ich dann etwa 10 Jahre später kennen.
DER POLE , Baden-Baden 1994.
Nach Einhaltung meiner Wochenendruhezeit von Freitag bis Sonntag, reiste ich Montag morgen in Baden Baden an, um den 4-Tage-Rhythmus aufzunehmen. Bis Donnerstag abend wird gespielt, dann ist wieder Pause.
Am Dienstag gegen 22 Uhr bemerkte ich eine Menschenansammlung am 20er-Tisch. Da es bei meinem Spiel so "hin und her" ging, stellte es für mich kein Problem dar zu unterbrechen und ebenfalls Platz zu suchen an diesem Tisch. Ein kleiner glatzköpfiger Mann mit eher Untergewicht spielte Plein a Maximum. Einfache Chancen nahm er nicht zu Hilfe. Auch war er mit den anderen zusätzlichen Möglichkeiten vorsichtig. Sein Spiel belief sich hauptsächlich auf Kesselgruppen. Überwiegend 5 Zahlen im Bereich 2-2 (jeweils zwei Zahlen links und rechts einer anvisierten Zahl). Teilweise erweiterte er auf 3-3 , also sieben Zahlen insgesamt.
Bei dem Spieler handelte es sich sofort erkennbar um einen Kesselgucker. Hiervon sah ich nur wenige innerhalb meiner Karriere. Keinen davon wiederum konnte ich als wirklich gut bezeichnen. Sie waren mehr oder weniger "Schauspieler". Schauspieler mit teilweise unangenehmen Eigenschaften, da sie meist zu spät annoncierten und dadurch oftmals Meinungsverschiedenheiten entstanden und somit auch eine schlechte Tischatmosphäre.
Bei "Rien ne va plus" geht halt nichts mehr. Wer später setzt, muss damit rechnen, dass der Satz zurückgewiesen wird und auch im Gewinnfalle keine Auszahlung erfolgt. Dieser Spieler hier vor Ort war von einem gänzlich anderen Kaliber. Mehr als nur rechtzeitig annoncierte er oder setzte manchmal auch selbst. Es kam durchaus vor, dass er eine, auch zwei weitere Zahlen mit belegte. Pauschal spielte er jedoch mit fünf bis sieben Zahlen.
Ich sah noch nie einen Menschen mit einer so hohen Trefferquote. Hier lief für mich der Wahnsinn ab. Gegen den war ich ein Waisenknabe. Er gewann und gewann, mit minimaler Belegung, bzw. mit minimalstem Risiko und das auf Plein.
Nach kurzer Zeit herrschte spürbare Nervosität seitens der Spielleitung. Sie mussten laufend Jetons der feinsten Art hinzuführen. Der Pole machte sie zittrig. Wunderbar für mich dies mit anzuschauen.
Ich selbst hielt die Zeremonie und Lehrstunde leider nur ca. 45 Minuten durch. Das war zu viel, einfach zu viel, um es zu begreifen. Gleichzeitig hegte ich natürlich die Hoffnung ihn am nächsten Tag nochmals erleben zu können. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er noch ein paar Tage bleiben würde.
Sofern er blieb, würde ich versuchen an ihn heran zu kommen. Er machte keinesfalls den Eindruck der Unnahbarkeit. Zudem kam meine damalige Frau aus Polen und da spann ich auch schon einen Plan.
Meine Frau musste her. Morgen Nachmittag musste sie spätestens hier sein. Falls er überhaupt erscheint. Er wird es sich moralisch gesehen kaum leisten seinen wunderbaren Spielverlauf zu unterbrechen.
Ich telefonierte und gab meinen Befehl. Schließlich und letztendlich "schleppe ich die Kohlen an" und in dringenden Angelegenheiten erwarte ich Unterstützung.
Alles klar, sie erschien - wie immer, in bester Laune. Ich erklärte ihr um was es ging und lud sie in eine kleine Boutique ein, wo sie sich ein paar nette Geschenke zur Motivation gönnte. Um diesen Preis hätte ich mir allerdings die beste und schönste Übersetzerin direkt aus Warschau einfliegen lassen können. Was soll´s! Ich muss mit diesem Polen in Kontakt kommen, egal wie, egal was es kostet. Hoffentlich ist er noch in Baden-Baden, und hoffentlich erscheint er.
Spielen braucht er meinetwegen gar nicht. Er soll lediglich meine Fragen beantworten. Ich muss einiges von ihm wissen. Die Kesselguckerei hat mich schon immer interessiert und dieser Kerl weiß wie. Der ist für mich DER GRÖßTE. Von ihm will ich alles erfahren. Den zerre ich ins feinste Restaurant. Notfalls trichtere ich ihm den teuersten und ältesten französischen Rotwein ein. Ich spürte an mir eine hochgradige fiebrige Erregung, die immer schlimmer zu werden schien. Wenn das so weiterging, wird mein Blutdruck über 300 sein und anstelle des Polen bekomme ich Kontakt mit einem Notarzt oder gleich mit dem Jenseits.
Meine Frau spürte die Übernervosität. Sie verabreichte mir eine Beruhigungstablette made in Poland, die mit Sicherheit bei uns nie zugelassen würde, höchstens für Tierärzte. So schnell spürte ich noch nie eine Wirkung. Kaum geschluckt, ein bisschen Mineralwasser hinterher und ich konnte das Leben wieder genießen. In aller Ruhe. Ich spürte, dass er da sein wird. Er kommt. Er wird kommen!
In diesem hypnotischen Zustand machte ich einen Spaziergang durch den wunderschönen Park. Selbst werde ich heute jedenfalls nicht spielen. Ich warte nur auf ihn. Sofern ich mich zu einem Spielchen hinreissen ließe, würde ich vermutlich die Jetons am Nebentisch platzieren und beim Kellner die Annoncen aufgeben.
Dieser König des Roulettes hatte es mir angetan. Er benötigte keine Rechner, keine Permanenzen, der macht alles alleine mit seiner "Birne", in der sich die feinsten Geisteselektronen die Hand reichen mussten. In wenigen Stunden ist es soweit.
Falls er spielt, warte ich bis er fertig ist. Sobald ich merke, dass ich es nicht durchstehe, bestelle ich mir einen Cognac. Dann wird meine Frau ihn charmant und mit einem Lächeln auf polnisch ansprechen. Sicher freut er sich, so eine Bekanntschaft zu machen. Dann greife ich ein. Dann kommt das Lokal ... , und dann erfahre ich endlich alles über die "richtige" Kesselguckerei.
Er erschien wieder gegen 22 Uhr und begann sofort das Spiel. Gestern hatte er nahezu 1 Million abgesahnt, wie mir noch ein Spielkollege berichtete. Heute also sein erneuter Angriff. Wird er verlieren? Hoffentlich nicht, hoffentlich nicht, denn sonst wäre ja alles umsonst gewesen. Auch für mich würde eine Spielerwelt zusammenbrechen. Mit einem Verlierer gehe ich jedenfalls nicht ins Restaurant !
Verlierer gibt es zur genüge. Nein, nein, nein, bitte nicht verlieren. Ich drücke beide Daumen. Er soll gewinnen! Meine Illusion vom unverlierbaren oder wenigstens überlegenen Spiel, basierend auf eigenem Können, wäre dann auch dahin.
Das Spiel lief schon eine halbe Stunde. Die höchsten Casino-Chefs waren und blieben anwesend. Innerlich musste ihnen äußerst unwohl sein. Den kannten Sie noch nicht, erst seit gestern und da fiel er ihnen nicht gerade sehr angenehm auf. Der stammte auch nicht aus Deutschland, geschweige denn aus der Nähe. Wenn der nochmals gewinnt, was dann? Kommt der wieder, oder verspielt er das Geld wo anders?
Alles drehte sich bei ihnen nur um diese Frage, das sah ich ihnen an. Sie waren mir unsympathisch geworden. Schade, dass ich nicht in der Situation des Spielerkönigs war. Aber das ist vielleicht auch mein Glück, mich lassen sie wenigstens in Ruhe. Lediglich ein einziges Mal wurde ich in einer Pfälzer Spielbank gefragt, ob ich eine Erhöhung des Maximums wünsche, was ich bejahte und dann auch prompt verlor.
Jetzt standen sie da und glotzten. Unsichere Bewegungen. Der Pole setzte ihnen auch heute zu. Zero 2-2 annoncierte er, die 8 und 23 setzte er selbst.
Batsch, die 3 kam. Die Kugel machte nach meinen Ohren nicht plob, sondern eindeutig batsch. 3.500 hatte er Einsatz, Plein erbrachte 17.500 abzüglich 1 Stück, da ließ er sich nicht lumpen, also 13.500 Netto. Hinzu kam noch die Transversale simple, die ich erst später wahrnahm mit 16.500 DM. Insgesamt also 30.000 Eierchen mit einer Umdrehung, wobei der Einsatz für die 3 und die Simple liegenblieb. Das summiert sich. So ging´s ständig weiter und weiter.
Gottseidank hörte er kurz nach 12 Uhr auf. Die ganze Zeit war ich nämlich in Lauerstellung, um meiner Frau den Einsatzbefehl zu geben. Ihr ging es nicht gut. Das Spiel um so viel Geld war sie nicht gewohnt. Sie stand aber bereit. Jetzt erst bemerkte ich, dass der Pole zwei Bodyguards dabei hatte. Keine "Bulldozer", sondern normal gewachsene Personen mit sehr flinken Augen.
Dadurch wurde natürlich die Situation für meine Frau etwas erschwert, sie wird es aber schon schaukeln. Mein Kommando kam: "Jetzt ab, lächle und grüß mal schön auf polnisch. Drücke ihm irgend ein Gespräch auf und lade ihn ein!"
Ich sah, dass es irgendwie funktioniert haben muss, denn er nickte hoch erfreut und schaute lächelnd zu mir herüber. Ein Teufelsweib! Sie kam und erklärte mir, er müsse noch ein paar Formalitäten bei den Chefs erledigen wegen der Zahlung, dann fahre er einige Orte weiter, wo er wohne und da sei ein kleines Restaurant, in das er uns einladen möchte.
Wie der Zufall noch mitspielte, kam er aus Lodz, was auch die Heimatstadt meiner Frau war. Besser geht´s kaum. Wir fuhren voraus und warteten. Zur Beruhigung nahm ich gleich einen doppelten Cognac.
Wir warteten relativ lange bis er mit seinen Bodies erschien. Er freute sich tatsächlich. Es war keine Showfreude, sondern die musste echt sein. Während sie sich in polnisch wunderbar unterhielten, legte ich mir schon meine Fragen zurecht und kam schließlich beim Essen zum Zuge.
Gäste konnte ich keine feststellen. Die Uhr zeigte schon 2 Uhr 30. Für ihn wurde aber das Beste vom Besten aufgetischt, trotz der späten Stunde. Langsam "ging" ich ihn an. Ja nicht irgendwie verärgern. Die Übersetzung funktionierte hervorragend, außer bei den fachspezifischen Fragen. Hier holte ich Kesselkarten und sonstiges Material aus meiner Aktentasche, um mich verständlich zu machen. Verständigungsprobleme blieben aus. Ich konnte mich selbst als glücklichen Menschen bezeichnen.
DER POLE lehrte als Beruf Mathematik, war Professor und kurz am "Verhungern" in seinem Land. Während eines Kurzurlaubs bei seinem Studienfreund, der sich zwischenzeitlich in Österreich niedergelassen hatte, gingen sie ins Spielcasino bei Wien. Dort sah er in natura das erste Roulette. Die Anordung der Zahlen und die einmalige Ausgewogenheit der Chancen insgesamt begeisterten ihn so, dass er näheres darüber wissen wollte. Für ihn ergab sich dabei eine Faszination und Bestimmung zum Kesselspiel, das er sich dann über die Jahre erarbeitete und vielschichtig verfeinerte. Im Laufe der Nacht versuchte er mir zu erklären, wie es möglich sei, Rotationsvorgänge langsamer wahrzunehmen, also langsamer zu sehen und eine Art Zeitlupenauge zu entwickeln. In etwa wie ein Film, welcher normal aufgenommen wurde und dann verlangsamt abgespielt wird.
Seine fundamentalen Ausführungen erschütterten mich. Auf solche Ideen wäre ich nicht gekommen. Keine Schule, geschweige denn System behandelt diese Möglichkeit. Er wies aber öfters auf die Gefahren hin. Auch kannte er einen Spieler der dieses Spiel noch perfekter beherrschte als er, dann jedoch überschnappte, also wahnsinnig wurde. Sein medizinisches Wissen hierüber erzählte er gleich mit.
Dass die "Kesselguckerei" durch andere Spielkessel (Sturzkessel) in Zukunft sehr erschwert sein wird, ließ er nicht unerwähnt. Dann würde es ihm aber möglich sein nach Gehör zu spielen. Möglicherweise würde er aber vorher mit dem Spielen aufhören und seine eigene Privatschule errichten. Allerdings, einen Abstecher in die USA wolle er sich schon noch gönnen.
Um 7 Uhr verabschiedeten wir uns. Mir war klar, dass ich sofort aus Baden-Baden abreisen würde. Der KÖNIG wird heute Abend erneut spielen. Er lud uns dazu ein, auch zum anschließenden Zusammensein.
Ich musste verneinen. Das war für mich alles zu viel. Ich werde abreisen, mir einen kompletten Roulettetisch kaufen, ihn aufstellen und dann mit dem Üben beginnen. Er gab uns seine Anschrift und wir verabschiedeten uns wie alte Freunde.
Wie ich vernehmen konnte, spielte das Genie tatsächlich am dritten Abend und gewann selbstverständlich nochmals. Insgesamt sollen es in diesen drei Tagen 2,2 Mio. DM gewesen sein. Daraufhin wurde er gesperrt !!!
NOTE: Charly Grukk ist Musiker , Komponist und Musikproduzent.
Exclusiv berichtet und geschrieben für das CASINO-Magazin.
Copyright für alle Belange.
CASINO-Magazin 15.03.2001