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SPEKTAKULÄRE SPIELER (1) , von CHARLY GRUKK .
Natürlich bleibt es im Laufe der beruflichen Wanderungen von Casino zu Casino nicht aus, auch besondere Erlebnisse zu haben. Zu solchen gehört auch das Auftreten von außergewöhnlichen Spielerpersönlichkeiten. Es sind Ausnahmesituationen und niemand weiß, zu welchem Zeitpunkt die "Könige" der Spielpaläste erscheinen. Sie sind plötzlich da.
Allein das "Pflastern" von höchsten Einsätzen versetzt die Kasinobesucher in gewisse Ehrfurcht. Viele von ihnen beenden ihr Spiel und schauen dann einfach nur noch zu. Man könnte es als Verneigung vor dem Geld bezeichnen. Wie kann ein Mensch innerhalb einer Umdrehung ca. 80.000.- DM setzen? Wieviele Monate, Jahre, muss ich dafür arbeiten, was innerhalb von 2-3 Minuten weg sein kann?
Diese Frage stellen sich mit Sicherheit viele. Manche geben den entsprechenden Kommentar, ohne sich zu genieren, offen ab.
Die Zuschauer nehmen an dem großen Spiel teil. Sie leiden mit. Sie wissen keinesfalls, wem sie den Sieg gönnen. Dem Spieler oder dem Casino? Trifft der "König" geht das - ooohhhh - spürbar umher, trifft er nicht, gleichfalls.
Das Publikum schwitzt mit. Hochrote Köpfe. Fiebrige Backen. Erhitzt insgesamt. Erregt hin und her tippelnd.
Das Rollen der Kugel, dieses unnachahmliche Geräusch, brachte mit Sicherheit schon vielen dem Herzinfarkt nahe. So ein Haufen Geld auf dem Tisch. Die größten und schönsten Jetons. 10-Tausender, 5-Tausender, Tausender, 5- Hunderter.
Hunderter sind passé, es liegt kein einziger da. Kein einziger Hunderter liegt da, wobei das Plein-Spiel für die meisten á 100 das Größte wäre. Absoluter Wahnsinn. Der Traum eines jeden Spielers läuft hier ab. Das ist besser als das schönste Fußballspiel. Hier gibt´s Leben live. Die Droge des Biedermanns.
Die Kugel ist gefallen. Was kam? Ich schaue am besten gar nicht hin. Was? hat er schon wieder gewonnen? Das gibts doch gar nicht! Meine Herrn, meine Herrn ... .
Der wartet ja nicht einmal bis der Croupier ausgezahlt hat, der setzt gleich weiter. Ist der denn wahnsinnig? Woher hat der das viele Geld? Woher kommt der? Weiß jemand, wer das ist und woher der kommt? Die meisten schütteln die Köpfe. Einer weiß aber was: Den hab ich schon mal da und da gesehen, und da hat er auch gewonnen. Ich glaube der ist aus ... und hat ein riesiges Geschäft in ... , mehr weiß ich aber auch nicht.
Die Kugel läuft bereits wieder. Dieselben schweren Sekunden beginnen von vorne. Der Spielerkönig aber steht nahezu unbeteiligt daneben und zündet sich eine Zigarette an.
Eine Stunde dauert die Vorstellung. Dann schreitet er von dannen und niemand weiß Genaueres über ihn.
Zum Weiterspielen verlieren die meisten für heute die Lust. Sie wagen kaum ihre Zehner- oder gar Fünfer-Jetons anzusehen, geschweige denn zu zeigen. Der Eindruck sitzt zu tief. Das beste ist, man setzt sich ins Lokal und läßt noch einmal alles an seinem geistigen Auge vorüberziehen. Wie kann denn so was sein? Der hat ja fast eine Million gewonnen. Obwohl, manchmal war alles weg, trotzdem, eine Million wird es gewesen sein. Ein Lottogewinn.
Welches System spielte der denn? Der belegte immer die oberen Zahlen und richtete sich kaum nach der Permanenztafel. Unglaublich, aber wahr. Das muss ich morgen gleich meinen Freunden erzählen. Ich muss mir etwas einfallen lassen. So geht das mit meinem kleinen Geld nicht weiter und wenn ich einen Kredit aufnehme.
Solche Situationen lassen ähnliche oder gar die gleichen Gedanken entstehen, manche werden es sicherlich schon erlebt haben. Ich persönlich sah drei Großspieler, zwei Mal in Baden-Baden und ein Mal in Wiesbaden.
DER DICKE , Baden-Baden 1983
Es war Freitag Abend. Entgegen meiner normalen Arbeitszeit, welche von Montag bis Donnerstagabend ging, spielte ich auf Grund eines guten Laufes über Tage hinweg auch freitags bis gegen 22 Uhr. Eine alte Spielerweisheit lautet dahingehend, eine Glückssträhne nicht selbst zu unterbrechen und ich hielt mich daran, halte mich auch noch heute daran, sofern sie eintritt.
Ich hatte kaum mein Spiel beendet, wiederum einen recht guten Abend gehabt und machte mich bereit zu gehen. Da sah ich am 20er-Tisch einen größeren Menschenauflauf. Meine natürliche Neugierde ließ mich ebenfalls zu diesem Tisch gehen. Nachdem ich mich durch die Menge höflich durchgewühlt hatte, sah ich, dass lediglich ein einziger Spieler setzte.
Er war sicherlich 160-170 kg schwer und so um die sechzig Jahre alt. Seine Kleidung zwangsläufig maßgeschneidert. Die Jetons setzte er selbst. Mit geübten Händen und Fingern platzierte er genauestens.
Er wusste ganz bestimmt, wohin er zu setzen hatte. Kein einziges Überlegen, genau dort und dort, hier noch Cheval dazu, hier zusätzlich die Transversale Simple, ein bisschen Carré ebenfalls - präzise wie ein Chirurg ging er vor.
Der Wurfcroupier wartete, bis er fertig war. Das Zeichen zum "Anpfiff", dem Wurf, bestimmte der "König".
Plein á 500, die einfachen Chancen per Maximum 20.000. Diese setzte er nicht immer mit. Nur im Gewinnfalle waren sie beim nächsten Wurf dabei.
Er spielte ausschließlich die oberen Zahlen ab der 27. Andere Zahlen interessierten ihn überhaupt nicht. Ich hatte den Eindruck, dass sie für ihn schlicht Luft waren. Ab der 27 aufwärts bis zur 36 und manchmal die Zero dazu. Alles per Maximum. Für ihn war es irgendwie selbstverständlich, dass er gewann. Und so kam es. Er traf und traf.
Manchmal musste man sich fragen, ob der Kessel überhaupt andere Zahlen beinhaltet oder diese momentan mit einer unsichtbaren Folie überdeckt waren. Die Auszahlung dauerte überdurchschnittlich lange und glich einer Zeremonie. Dann ging es erneut los. Endlich traf er mal nicht. So schnell konnte der Zuschauer aber kaum das "Pflastern" beobachten, wie er die Jetons setzte. Ruckzuck fertig.
Er nickte mit dem Kopf und die Kugel rollte. Irgendwie schien der Croupier sich besondere Mühe zu geben. Die Kugel drehte ihre Runden bei jedem Wurf immens lang. Sie drehte sich und drehte sich, immer langsamer immer langsamer, die Fliehkraft ließ nach und schwand, ein paar Kollisionen mit den Rhomben und dann lag sie in ihrem Bett. Der "Teufel" gewann schon wieder. Ein leichtes Schmunzeln konnte ich bei ihm bemerken.
Nach ca. einer Stunde unterhielt er sich auch locker mit dem einen oder anderen Zuschauer. Er wusste, dass der heutige Tag ihm Gewinn bringen würde, den er sich mit Sicherheit nicht mehr nehmen ließ. Was dann folgte, war schon eher als "Gala" anzusehen.

An den anderen Tischen spielte so gut wie niemand mehr. Ich war froh mir einen vorderen Platz gesichert zu haben. Freitag abend im Casino Baden-Baden. Menschenmengen, nicht nur von Spielern, sondern von Neugierigen oder halt von Menschen, die sich etwas Besonderes gönnen. Dann dieses Erlebnis - Herz was begehrst du mehr? Dieser Tisch und dieser Spieler war heute das ganz Besondere.
Er spielte jetzt ganz locker und lächelte zunehmend. Lange wird er kaum noch seine Jetons ausbreiten, denn er schaute öfters auf die Uhr. Überwiegend ist ihm das Glück weiterhin hold.
Die Casino-Chefs waren zwischenzeitlich längst direkt am Tisch präsent. Handwechsel, Handwechsel. Manchmal schon nach 4 Würfen. Sie mussten ihn kennen, ja sogar sehr gut kennen.
Da der Spieler einen ausgeprägten schwäbischen Dialekt sprach, ging ich davon aus, dass er nicht soweit entfernt wohnen konnte, also das Casino Baden-Baden seine Heimspielstätte war. Ich werde das auf jeden Fall herausfinden. Dieser Typ ist selbst mir unheimlich und ich bin einiges gewohnt. Ich recherchiere bei meinen Kollegen. Mit Sicherheit bekomme ich Informationen über ihn.
Sein Spiel als solches war für mich relativ einfach nachvollziehbar. Es handelte sich um ein Ecart-Spiel der einfachsten Art. Dass ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt der Ausgleich so massiv anzog, musste eindeutig auf feinste Berechnungen zurückzuführen sein. Das konnte der "Dicke" niemals allein veranstaltet haben, soviel war mir klar.
Da er fast sämtliche Zahlen aus dem dritten Dutzend spielte, lediglich mit der Erweiterungen von Zero, kam ich zunächst zu der Überzeugung, dass es vollkommen ausgereicht hätte das dritte Dutzend direkt zu setzen mit den jeweiligen Maximumsätzen auf den anderen Chancen - Cheval, Transversale pleine, Carré, Simple. Das Setzen hätte leichter von statten gehen können. Ich irrte mich allerdings. Er ignorierte eindeutig die Zahlen 25 und 26, schleppte diese also keinesfalls mit. Die 25 und 26 blieben aus, als ob es sie nicht gäbe. Er spielte ca. 40 Coups. Nach mehr "Her als Hin" mußte der "König" nahezu eine Million gewonnen haben, meinen Berechnungen zufolge.
Das dritte Dutzend entpuppte sich als überlegener Favorit während dieser Zeit und seines Spiels, wobei alle Zahlen des Dutzends erschienen, außer der 25 und 26.
Das Auslassen der 25 hätte ich noch verstehen können, aber die 26? Gerade die Zero ist eingebettet im dritten Dutzend, rechts davon die 32 und links die 26, je nach Sichtwinkel.
Was solls? Ich musste akzeptieren: hier waren absolute Profis am Werk, der Dicke sehr wahrscheinlich der betuchte Boss, die anderen, die es geben musste, seine Mathematiker im Hintergrund.
Natürlich hat Roulette nicht unbedingt etwas mit Mathematik zu tun, allerdings hat ein kluger Rechner große Vorteile gegenüber eher diesbezüglich unbegabten Menschen. Dies nicht nur bei der Roulette. Ein Mathematiker kann mit Zahlen einfach anders umgehen. Es ist ja schließlich sein Beruf. Das Erkennen der verschiedenen Möglichkeiten ist ihm daher schneller und weitaus effizienter möglich.
Speziell das Errechnen der auftretenden Ecarts auf den verschiedenen Chancen, mit Angabe des wahrscheinlichsten Höhepunktes an diesem oder jenem Tag, dabei ist Auswertung per excellence gefragt. Ich persönlich stütze mich eher auf die Berechnungen eines Mathematikers als auf die eines normalen Spielers. Meine Nerven würden diese Rechenarbeit kaum aushalten, zumal sie keine Garantie für den Sieg geben. Etwas Glück gehört immer dazu.
Mich faszinierte an seinem Spiel die Perfektion seiner Sätze und es kam für ihn überhaupt nicht in Frage andere Zahlen in Betracht zu ziehen. Beispielsweise erschien die 11 zwei Mal innerhalb von fünf Würfen. Seine Sätze verloren. Ich hätte eventuell die 11 vorsorglich als Favorit mitgesetzt, da sie wiederum eingebettet ist zwischen der 30 und der 36. Das tat er aber nicht. Mitgespielt, wäre er an diesem Tag mit einem noch weitaus höheren Ertrag nach Hause gegangen.
Insofern erkannte ich, dass die Mathematiker im Hintergrund zwar Spitze aber keineswegs unfehlbar waren. Natürlich kannte ich das "Vorleben" der Zahl 11 nicht. Ausreißer kommen eben immer wieder vor und es bleibt die Unberechenbarkeit.
Das Personal bekam an diesem Abend, zu dieser Stunde, Trinkgelder wie selten. Die Casino-Chefs schwitzten. Wie sollen Sie mit so einem Typen verfahren? Ihn sperren?
Hierzu besitzen sie jederzeit das Recht. Ihr Hausrecht steht über allem. Ohne Angaben von Gründen sind sie berechtigt die Sperre zu verhängen. Auch für einen Glücksritter.
Was kann weiter geschehen? Heute hat er so viel gewonnen, dann soll er wenigstens wieder kommen und bei ihnen, in ihrem Casino alles gefälligst verlieren. Nicht woanders! Diese Bedenken stecken in den Köpfen der Betreiber. Es könnte also sein, dass er ihr schönes Geld in einem anderen Konkurrenzbetrieb verliert. Was ist aber, wenn er wieder erscheint und nochmals gewinnt? Zwiespalt über Zwiespalt plagen die verantwortlichen Gehirne.
Auf der anderen Seite ist dies natürlich die beste Werbung. Eine Million gewonnen, in der Spielbank ... !!! Da strömen in nächster Zeit viele herein die in den Sog des Gewinners kommen möchten. Selbstverständlich erhalten sie dann ihre Lektion. Manchmal reicht diese sogar fürs ganze Leben.
Hinter einem sogenannten und als solchen bezeichneten Glücksritter finden sich oftmals verwunderliche Vorgänge und Entwicklungen verbunden mit viel Mühen und auch Kostenaufwand. Der Laie will das aber nicht hören. Für die meisten bleibt die Roulette ein reines Glücksspiel. Und obwohl sie dies anscheinend ganz genau wissen, spielen sie und fordern das Glück öfters als möglich heraus.
Kurz vor 12 Uhr stellte der "König" sein Spiel ein. Er verabschiedete sich herzlich von den Croupiers und den Zuschauern um sich herum. Einer der Casino-Bosse nimmt ihn ins Geleit. Sicher schreiben sie ihm jetzt einen Scheck in mir unbekannter Höhe aus.
Ich ging ebenso unverzüglich in das dem Casino angeschlossene Restaurant, trank ein Bier und aß eine Kleinigkeit. Dieses "Theater" mußte erst einmal verkraftet werden.
Meine Recherchen bei den Berufskollegen erbrachten, dass "Der Dicke" allseits bekannt und ein großer Bauunternehmer im süddeutschen Raum war. Entweder finanzierte er sein Roulettespiel durch sein Unternehmen, oder was durchaus sein könnte - sein Unternehmen durch die Roulette, vielleicht ging aber beides gleich gut zusammen. Genaueres wollte ich nicht in Erfahrung bringen, denn in mir steckte seit diesem Tag tatsächlich ein gewisser Neid, den ich unbedingt bekämpfen musste.
Was bringt´s Genaueres zu erfahren? Außer Zeitaufwand nichts. Jeder muss versuchen mit seinen Möglichkeiten erfolgreich zu sein und das ist anstrengend genug. Im übrigen durfte ich mit der vergangenen Woche recht zufrieden sein. Nach diesen Überlegungen ging es mir wieder besser.
NOTE: Charly Grukk ist Musiker , Komponist und Musikproduzent.
Exclusiv berichtet und geschrieben für das CASINO-Magazin.
Copyright für alle Belange.
CASINO-Magazin 15.01.2001
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