13 -2000
VIEL GLÜCK - SILVESTERSTORY von A. P. OLSEN

Auf den Straßen ist es ruhig geworden und es wird langsam dämmrig - immer mehr erleuchtete Fenster, seitdem ich mich vom Zentrum der City entfernt habe.
In windgeschützten Ecken stehen Jugendliche - zisch, krach, zisch, krach - dazu rauhes Gelächter, wenn Böller am Boden detonieren.
Das liegt alles nur daran, dass wir ein oder zwei Gehirnwindungen zu viel haben, geht mir durch den Sinn, wenn´s die nicht gäbe, dann wären wir uns auch nicht der vergehenden Zeit bewußt, dann ....
Ohrenbetäubendes Knallen reißt mich aus meinen Gedanken. Mittlerweile ist es vollendens dunkel geworden: ein feuchter, lichtloser Tag geht zu Ende - der letzte, der 31. 12.

Suchend sehe ich auf die spärlich erleuchteten Nummernschildern dieser Vorstadtstraße - hier, ja hier müßte es sein: eine ehemalige Kommilitonin, schon fast aus den Augen verloren, hatte mich zur Silvesterparty geladen, in dieser mir zwar nicht fremden, aber auch nicht vertrauten Stadt, in der ich mich erst seit kurzem befinde.

Zögernd läute ich. Wummernde Bäße tönen mir entgegen, ehe die Tür aufgerissen wird. Die Geräuschkulisse steigert sich zu ohrenbetäubendem Lärm und ein nicht mehr ganz junger Mann deutet mir wortlos an einzutreten.
Durch einen langen lichtarmen Flur kommen wir in einen nur mit einem großen weißen Tisch möblierten Raum, an dem knutschende Pärchen und versprengte Einzelpersonen sitzen. Die hämmernde Musik macht jedes Gespräch unmöglich, von der Gastgeberin keine Spur. "Wo ist Caroline?" schreie ich mein Gegenüber an, der zeigt mit dem Daumen nach hinten, auf eine geschlossene Tür an der Stirnseite des Raumes. "Probleme / Freund / nicht / ..." diese Wortfetzen dringen an mein Ohr. Wir beginnen zu essen - irgendeine scharfe Suppe, die Gaumen und Nerven völlig geschmacklos macht - und ich beginne mich zu langweilen.
Wenn die Sache mit den Gehirnwindungen nicht wäre, würde die Zeit im wohl temperierten Schritt in alle Ewigkeit vergehen und nicht wie eben jetzt: Nester in meinen Haaren bauen - diese letzten paar Stunden des Jahres, wie spät ist es eigentlich?

Keine besonders gute Idee so eine Silvesterparty mit unbekannten Leuten - von der Gastgeberin noch immer keine Spur - einfach idiotisch. Ich merke, dass mein Gegenüber mich schon eine ganze Weile fixiert. Was will der denn - denke ich, während ich automatisch zurücklächle und ihn taxiere: sieht ganz gut aus, ein bisschen glatt, ein bisschen zu schick für diese ehemalige Studentenparty. Jetzt scheint er gegen die Geräuschkulisse etwas herüberzuschreien - ich verstehe nichts: WAS???
Er bedeutet mir aufzustehen und wir treffen uns im Flur: "Öde hier." - Kopfnicken meinerseits - "Ich geh jetzt ins Kasino." Aha, ein Spieler, oder was? "Kommst du mit?"
Da war ich noch nie. Vielleicht ganz spannened, langweiliger als hier kann es kaum sein. "Warum nicht ? aber ich hab nicht viel Geld."
"Macht nichts - im Automatenkasino braucht man das nicht." Automatenkasino - das klingt nach Las Vegas und rosaroter Meile. Soll ich oder soll ich nicht? Ich soll. Ich will. "Let`s go."

Wir gehen durch die Silvesterdunkelheit. Hin und wieder surren Knaller in den Himmel. Ansonsten ist es still. "Übrigens ich heiße Björn." "Ich Annike , spielst du öfters? "Periodisch, wenn die Konstellationen günstig sind. "Was soll das denn heißen? Hoffentlich spinnt der nicht total. Wir gehen fast im Gleichschritt nebeneinander her - Er fasst meine Hand: "Heute habe ich Glück, ich spür´s".

Da werden die Straßen auch schon breiter, Verkehrslichter spiegeln sich im nassen Asphalt und vor uns liegt das Casino. Als wir eintreten, umgibt uns wohlige Wärme, halblaute Stimmen, hin und wieder übertönt von einem Lachen.
Eine festliche Menge bewegt sich durch das großzügige Entree, Pinguine in schwarzen Anzügen, weißen Westen und distinguierter Miene nehmen Garderobe entgegen, weisen unaufdringlich diskret den Weg in die oberen Etagen.
Ein paar Stufen abwärts geht es lauter zu, hier brät ein ganzes Spanferkel am Spieß, dreht sich mit leerem Blick um die eigene Achse. Musikfetzen dringen an mein Ohr. Lauschend bleibe ich stehen, schauend, tief einatmend ...

"Komm weiter", drängt mich mein Begleiter nun, einen ungeduldigen Unterton in der Stimme - ergreift wieder meine Hand, zieht mich hinter sich her in einen großen langen Raum - hier pfeift, hupt und klackert es unentwegt - aus unförmigen Maschinen, die an der Wand befestigt sind und diese nachhaltige Geräuschkulisse produzieren. Grüne, blaue, rote Lichter flackern auf und verlöschen wieder, während der ganze Mechanismus bebt , sich dreht , plötzlich stillsteht , um dann wieder von neuem zu beginnen. Björn war bereits zu einer Art Schalter gegangen, einen großen Plastikbecher in der Hand, die Jackentaschen ausgebeult. Er setzt sich auf einen der dreibeinigen Barhocker und beginnt die noch schweigende Maschine solange mit silbernen Münzen zu füttern, bis sie aufstöhnend rotiert, blinkt und fiept. Björn fängt jetzt an, verschiedene Hebel zu ziehen, Knöpfe zu drücken, das Gesicht verschlossen und hoch konzentriert. Allein seine Bemühungen scheinen nicht zu fruchten, noch einmal aufstöhnend erstarrt die Maschine wieder. Wieder greift Björn in die Tasche, stopft der Maschine ihr gefräßiges Maul, die einen ungeheuren Appetit entwickelt, den ganzen Vorrat an Silbermünzen sich einverleibt. Björn`s blasse Züge wirken immer angespannter, in seinen Augen reflektieren die bunten Lichter. Schließlich steht er auf. "Hey, lass es gut sein, lass uns lieber ...", sage ich.
"Lass mich" - erwidert er grob, "steh hier nicht so rum, tu auch was." Zögernd folge ich ihm zum Schalter, sehe wie er ein paar Scheine in Münzen wechselt, sie fahrig zusammenschiebt und in die Jackentasche steckt. Eine Münze fällt dabei klirrend zu Boden. Ich hebe sie auf, will sie ihm geben, doch er ist schon fort.

"Ja bitte?" höre ich eine Frauenstimme fragen. Ich wühle in meinen Taschen, finde einen Schein, den ich automatisch rüberschiebe. Einige wenige Münzen werden vor mich gelegt, dazu ein Plastikbecher. Suchend blicke ich mich um, da neben Björn steht eine Maschine allein. Langsam gehe ich auf sie zu, mit erloschenen Augen starrt sie zurück. Ich setze mich auf den Schemel. "High", begrüße ich sie freundlich, immer noch starrt mich das Ding feindselig an. Wo kommt denn bloß das Geld rein? Björn möchte ich lieber nicht fragen, aber die kleine, alte Frau links neben mir mit den Dauerwellenlöckchen scheint es ganz genau zu wissen. "Hier, Kind, hier." Sie zeigt auf einen kleinen unscheinbaren Schlitz an der Seite. Zögernd stecke ich ein paar meiner Münzen hinein, die Maschine seufzt auf, bunte Bildchen rotieren in ihrem Inneren, schnell und schneller, ich lege nach, jetzt beginnen auch die Lichter zu flackern im rasanten Wechsel, ich schiebe nach, die Maschine scheint in ihren Grundfesten erschüttert. Eine merkwürdige Hitzigkeit erfasst mich, ich spüre mein Herz erregt schlagen, ich schiebe nach, ein durchdringender Sirenenton übertönt nun jegliches Geräusch. Gleich explodiert hier alles, gleich fliegt hier alles in die Luft, jagt es mir durch den Kopf und jaulend - strömend klackernd - beginnt sich die Maschine plötzlich zu entleeren.

Münzen übergießen meinen Plastikbecher, fallen zu Boden, rollen auf den Fußboden, ehe das letzte grüne Lämpchen verlischt, ein letztes Beben durch den eisernen Leib geht und dann erstarrt. Ich brauche eine minutenlange Ewigkeit, um mich zu fassen. Erst jetzt bemerke ich, wie viele Augenpaare mich anstarren.
"Björn," schreie ich, "Björn" meine Stimme überschlägt sich fast, "guck mal ich habe gewonnen, guck hier, ich habe ....." Doch als ich in sein kaltes blasses Gesicht sehe, verschlägt es mir die Sprache. "Mach nicht so einen Larry" zischt er mich an, "ich habe ja Augen im Kopf". "Aber" - "Nichts aber, mir tut´s nämlich elend leid, dass ich dich mitgenommen habe, du hast mir kein Glück gebracht, du hast ....." , seine Stimme geifert weiter, während ich den Münzbecher nehme, die Treppen hinaufhaste - schnell, schnell. Wie spät ist es eigentlich? Ist nicht heute Silvester?

Es ist eigentümlich still um mich, als ich draußen am See stehe, in dem sich die Lichter des Casinos spiegeln. Ich laufe ein Stück auf den Steg hinaus, als ein erster Böller dröhnend detoniert, dann erleuchten Feuerwerke den Himmel, rote, blaue, gelbe Rauten, die zischend aufleuchten und dann in der Dunkelheit verschwinden. Ich greife in meinen Becher, nehme ein Markstück und lasse es über den See hüpfen, und noch eins und noch eins und immer mehr, sie blinken auf und entschwinden dann in tiefes Schwarz. Während ich Markstücke hüpfen lasse und Feuerwerkslicht den Himmel erhellt, wird mir merkwürdig leicht zu Mut, ich lache und lache und lache: Viel Glück im Neuen Jahr. Viel Glück uns allen, die wir ein bis zwei Gehirnwindungen zu viel haben, denke ich, als die letzen Münzen im See versinken.

CASINO-Magazin 31.12.2000

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